Internationaler Tag der Derwische 2021

Karamat.eu - Aufruf zu einer 121 Sekunden Meditation für Opfer krimineller oder staatlicher Unterdrückung in Iran und weltweit am Sonntag, 21. Februar 2021 um 11:21.

Gesichter für Menschenrechte, Poster aus einer früheren Aktion

Karamat.eu - Am 21. Februar 2021 jährt sich der Tag der Derwische zum 12. Mal. Es ist die Erinnerung an eine Versammlung von mehr als 25.000 Derwischen im Jahr 2009 vor dem Parlament in Teheran, Iran. Diese aus vielen Landesteilen angereisten Frauen und Männer wollten ein Zeichen gegen die massiven Verfolgungen von Minderheiten setzen, gegen die Verfolgung von Derwischen, Baha’i, Christen, Sunniten, Buddhisten, Anhängern der Lehren von Mohammed Ali Tâheri oder Osho, Ahl-e Hagh, Juden und allgemein andersdenkenden Bürgerinnen und Bürgern im Land. Dieser uneigennützigen Aktion zu gedenken, bedeutet die Werte der Ritterlichkeit, der Selbstlosigkeit und des Einsatzes für Opfer von Unterdrückung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Einsheit in der gesamten Schöpfung erfahren, das Menschsein respektieren

Ritterlichkeit, Selbstlosigkeit und Einsatz für Opfer von Unterdrückung sind grundlegende Werte von Derwischen. Derwische, auch Sufi genannt, integrieren einen kontinuierlichen Entwicklungsweg ihrer innersten Substanz in ihr Leben. Dadurch erreichen sie die Reife und stärken ihre Fähigkeiten, den hohen Idealen aus innerer Kraft Rechnung zu tragen.

Wir laden ein, am Sonntag 21. Februar 2021 um 11:21 Uhr für 121 Sekunden aller Menschen zu gedenken, die weltweit Opfer krimineller oder staatlicher Unterdrückung sind.

Im Laufe der Jahre sind viele Poster mit Portraits von Menschen in Europa und den USA in Kooperation mit verschiedensten Menschenrechtsorganisationen entstanden. Hier bringen die Portraitierten ihre Solidarität mit den Opfern von Unterdrückung und Unrecht in Iran zum Ausdruck. Viele Menschen in Iran haben diese Poster als Unterstützung ihres Aufschreis gegen Unrecht aus den Zivilgesellschaften im Westen verstanden und sich ermutigt gefühlt, weiterhin gegen Unrecht zu protestieren. Eine der bekanntesten Aktivistinnen in diesem Kampf gegen das Unrechtsregime ist die Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh geworden.
Auch der ehemalige Richter und Anwalt Dr. Nour Ali Tabandeh hat sich Zeit seines Lebens für die Verwirklichung und den Respekt der Menschenrechte in seiner Heimat Iran eingesetzt. Selbst als er später Oberhaupt des größten schiitischen Derwisch-Ordens in Iran mit 8 Millionen Mitgliedern wurde, hat er sich bis zu seinem überraschenden Tod an Weihnachten 2019 geweigert, seine Werte trotz größtem Druck durch das Regime aufzugeben.

Am Sonntag, 21. Februar 2021 um 11:21 MEZ sich für 121 Sekunden auf den eigenen Herzschlag fokussieren und der Opfer von Leid und Unterdrückung gedenken. 

Ein Gesicht aus Solidarität und zur Ermutigung

Der Tag der Derwische 2021 ist ein guter Anlass eine neue Poster-Aktion durchzuführen.

Wir freuen uns über Fotos mit einzelnen Gesichtern oder geschriebenen Botschaften an die Menschen in Iran oder an die Verantwortlichen des Regimes. Daraus werden wir große Poster anfertigen, in denen die einzelnen Portraits als gemeinsame Kraft und Aussage zusammenkommen. Die Poster werden dann in einem Videoclip verarbeitet und im Netz unter anderem auf mehriran.de veröffentlicht.

Fotos bitte bis zum 25.02.21 per E-Mail an: presse(at)karamat.eu

Grußworte zum Tag der Derwische 2021

"Wir Sufis haben seit mehr als einem Jahrzehnt den 21. Februar als Tag der Sufis/Tag der Derwische gefeiert. Denn an diesem Tag vor länger als einem Jahrzehnt war es, dass sich mehr als 25.000 Sufis spontan vor dem Parlamentsgebäude in Iran versammelt haben, um gegen die Behandlung der Sufis und aller Minderheiten durch das Regime zu protestieren.
Durch diese Tat haben sie die Werte des Sufitums zum Ausdruck gebracht. Werte, die man als Selbstlosigkeit, Ritterlichkeit und Einsatz für Unterdrückte bezeichnet. Indem wir dieses Tages gedenken, erinnern wir uns eigentlich an diese Werte. Denn in der Weltanschauung der Sufis, die einen kontinuierlichen Entwicklungsweg der inneren Substanz umfasst, ist das Streben nach einem Zustand, der uns Einsheit in aller Schöpfung erfahren lässt und dieses Einssein in allen Erscheinungsformen ehren lässt, eingedenk der Tatsache, dass die Menschheit hier den höchsten Rang einnimmt. Daher waren die Handlungen jener Sufis an diesem Tag ein gelebtes Beispiel dieses Prinzips, welches von jeher von allen Sufi Meistern vertreten wurde. Insbesondere kann man das im Leben von Dr. Nour Ali Tabandeh sehen, der sein Leben gemäß den Menschenrechtsprinzipien gelebt hat und gestorben ist, weil er sich geweigert hat, angesichts von schwerem Unrecht, diese Werte fallen zu lassen.
Insofern haltet ihr, die ihr heute versammelt seid, um diesen bedeutenden Tag zu feiern, die Sufi Werte hoch, welche Dr. Tabandeh in seinen Lehren und sein ganzes Leben lang vertreten hat. Daher ist jeder und jede von euch ein bedeutsames Verbindungsglied in der Fortsetzung der Sufi Werte und in der Wertschätzung jedes Sufi für die Erscheinungsformen der Einsheit, insbesondere in der Form der Menschheit. Somit möchte ich allen Versammelten danken und wünsche euch allen unentwegte Reifung auf dem Weg der substanziellen Entwicklung
.“ Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, Religionswissenschaftler und Sufi Lehrer,Paris, zum Internationalen Tag der Derwische am 21.02.2021

Fatima Mernissi schreibt in ihrem Buch: Die Angst vor der Moderne. Frauen und Männer zwischen Islam und Demokratie, Hamburg-Zürich 1992: „Der Westen läßt, indem er unablässig von Demokratie redet, das Phantomschiff mit all jenen auftauchen, denen die Köpfe abgeschlagen wurden, weil sie sich weigerten zu gehorchen, läßt den Kampf zwischen ‚dem Schwert und der Feder’ wiederauferstehen, insbesondere den der intellektuellen Kadis, die auf Gerechtigkeit, der Sufis, die auf Freiheit versessen waren, der Dichter, denen es immer gelungen war, ihre Individualität auszudrücken gegen die Kalifen und ihre Scharia (šarī’a), die sehr autoritäre Auslegung des göttlichen Gesetzes.“ (S. 30)
Es ist daher gut und wichtig, an einem Tag im Jahr dieses Zeugnisses der Sufis zu gedenken, um ihr Eintreten für die Freiheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern mit Blick auf die Vergangenheit und die Gegenwart an diesen mutigen Einsatz für die Freiheit zu erinnern. Solidarität mit den Unterdrückten zu zeigen und der Hoffnung auf Meinungsfreiheit - auch im religiösen Bereich - Ausdruck zu verleihen
.“ Prof. emeritus an der Leibniz Universität Hannover Peter Antes, Religionswissenschaftler, zum Internationalen Tag der Derwische am 21.02.2021

In Europa zu leben, bedeutet unsere Überzeugungen zu leben und unsere Religionszugehörigkeit frei ausüben zu können. Daher liegt eine besondere Verantwortung auf unseren Schultern, uns für Menschen einzusetzen denen diese fundamentalen Rechte in ihrer Region verwehrt werden. In einem gewissen Ausmaß richtet sich unsere Solidarität an die Menschen in Iran, zu denen Europa eine langwährende kulturelle Beziehung hat und die daran leiden, dass der Staat ihnen ihr grundlegendes Recht auf eine freie Wahl und religiöse Freiheit verwehrt.“ Dr. Hans-Michael Haußig, Religionswissenschaftler an der Universität Potsdam, zum Internationalen Tag der Derwische am 21.02.2021

"Woran erkennen Sie religiöse Fanatiker und Tyrannen? An ihrer ergebenen Wehrlosigkeit gegen gewalttätige Impulse von innen und außen. Die Möglichkeit, Gewalt zu tun – oft aus Angst, Gewalt zu erleiden – gehört zur Grundausstattung der Menschen. Alle religiösen und kulturellen Gebilde versuchen, die Gewalt einzuhegen und die Dinge, die unsere Instinkte nicht von allein regeln, möglichst weise oder vernünftig zu ordnen. Oft aber verhärten sich die Lehren dann, bilden gewaltaffine Machtapparate und verlieren den Zugang zum Grundstrom der Weisheit. Meistens beginnt es damit, dass Frauen, Minderheiten und Apostat:innen rigoros unterdrückt werden und nur noch der gehorsame Dienst in einer erstarrten Hierarchie ein halbwegs unbehelligtes Leben erlaubt. Es haben sich aber in solchen oft lange dauernden bleiernen Zeiten zu allen Zeiten und in jeder Religion, in jeder Kultur mutige Menschen gefunden, die damit nicht einverstanden waren. Sie haben sich – vereinzelt oder in Gruppen – aufgemacht, um die geistige Energie wieder zu finden, die einst auch ihrer Tradition Kraft gegeben hatte: Kraft, der Gewalt zu widerstehen. Kraft, gewaltlos den Lebenswillen und die Ehrfurcht vor der Schöpfung wichtiger zu nehmen als die Angst vor den Kadern der Macht. Die Derwische haben im Februar 2009 ein großartiges Beispiel für diesen Mut und diese Kraft gegeben. Menschenrecht ist immer auch Frauenrecht. In Deutschland kämpfen viele Frauen wie Ceyran Ates um ein weibliches und menschenrechtliches Gesicht ihrer islamischen Religion. In der Türkei zeigt Cemalnur Sargut mit ihrer unermüdlichen Arbeit, wie es möglich ist, auch innerhalb der islamischen Welt den Weg zu den Quellen der Weisheit zu gehen, den in der westlichen Welt jüdische, christliche und säkulare Frauen seit Jahrhunderten Meter um Meter freigekämpft haben und frei zu kämpfen nicht aufhören. Viele Frauen, die, wie Nasrin Sotoudeh, in den Gefängnissen des Iran, oder wie Prinzessin Latifa im Haus ihres Vaters in Dubai erniedrigt und gefangen gehalten werden, sind Beispiele dafür, wie Frauen sich auch doppelter und dreifacher Unterdrückung nicht ergeben, wenn sie einmal verstanden haben, wie Freiheit, Liebe und Ehrfurcht vor der Schönheit der Welt zusammenhängen. Wir alle, die wir an Freiheit und den gemeinsamen weisheitlich- gewaltfernen Grundstrom in den menschlichen Kulturen und Religionen glauben, wir alle, die wir mit unseren je verschiedenen Stimmen das Hohelied der Menschenwürde singen, haben Grund, unsere Solidarität mit den Sufis an diesem Tag laut zu bekunden. Wehren wir uns gegen die Versuchung zur Gewalt, in uns und in unseren Gegnern!"  Dr. phil. Gesine Palmer, Freie Textarbeiterin, Berlin, zum Internationalen Tag der Derwische am 21.02.2021

„Der Glaube an den einen Gott, der keinem Menschen Würde und Liebe verweigert, verbindet mit allen, die aus der Zuwendung dieses Gottes Mut und Vertrauen schöpfen, um für die Lebensrechte aller Menschen einzutreten. Wer einen Menschen knechtet, verletzt, an den Rand drängt oder unterdrückt, verspottet diesen Gott, anstatt bei ihm – wie die Mystiker aller Religionen – Heilung für die eigene Seele zu suchen und damit Heilung für die Gesellschaft, in der er lebt. So tragen wir den 21. Februar jährlich im Herzen, in tiefer Gemeinschaft mit allen, die einander aufrichtig Frieden und Wohlergehen wünschen.“ Klaus Hamburger, Theologe (röm.-kath.), Seelsorger und Autor, Koblenz, zum Internationalen Tag der Derwische am 21.02.2021

"Im Iran werden religiöse und ethnische Minderheiten wie Sufis, Bahai oder konvertierte Christen brutal verfolgt. Der traurige Alltag, von der islamistischen Regierung ausgegrenzt, schikaniert, sanktioniert oder bestraft zu werden, muss endlich aufhören. Der Iran ist die Heimat dieser. Sie und andere Volksgruppen und religiöse Minderheiten müssen anerkannt und als freie und gleichberechtige Menschen respektiert werden." Dr. Kamal Sido, Nahost-Referent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker, zum Internationalen Tag der Derwische am 21.02.2021

"Man kann und soll sich am Internationalen Tag der Derwische am 21.02.2021 mit den Sufis solidarisieren, die seit mehr als einem Jahrzehnt gegen ihre Diskriminierung und aller Außenseiter in der „Islamischen Republik“ protestieren. Man sollte auch zugleich diesen Tag als Mahnung an alle in Erinnerung bringen, die immer noch nicht begriffen haben, dass Freiheit  immer auch die Freiheit der Andersdenkenden ist. Denn solange dieser Gemeinsinn unterentwickelt bleibt, kann jedes Regime durch Teilen und Segmentierung der Gesellschaft die Freiheit suchenden Menschen weiter beherrschen. Deswegen ist die Einsicht in die Notwendigkeit des gemeinsam organisierten Kampfes für Freiheit für alle der Ausgangspunkt und Garant wahrer Freiheit. Dieser permanente Kampf setzt aber die Identifikation der Menschen mit anderen Menschen jenseits ihrer Gruppenzugehörigkeit voraus. Um diese emotionale Bindung der Menschen mit einander zu fordern und zu fördern möchte auch ich den Internationalen Tag der Derwische solidarisch in Erinnerung rufen und behalten."  Prof. emeritus an der Leibniz Universität Hannover Dawud Gholamasad, Soziologe, zum Internationalen Tag der Derwische am 21.02.2021

Erinnerung an vergangene Feiern zum Internationalen Tag der Derwische

Berichte über bisherige Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem Tag der Derwische:

https://www.welt.de/debatte/kolumnen/Iran-aktuell/article6580210/Der-Tag-des-Derwischs-im-Iran.html

https://mehriran.de/artikel/der-tag-der-derwische.html

https://karamat.eu/artikel/internationaler-tag-der-derwische-2017-in-hannover

https://karamat.eu/artikel/video-tag-der-derwische-2013-freiheit-fuer-nasrin

https://karamat.eu/artikel/video-day-of-dervishes-at-the-schwanenburg-hannover

https://mehriran.de/artikel/london-celebrates-dervish-day-in-commemoration-of-all-who-are-being-persecuted-in-the-middle-east.html

https://www.youtube.com/watch?v=2ZvrQV6oQy4

https://mehriran.de/artikel/internationaler-tag-der-derwische.html

https://kayhanlife.com/people/the-gonabadi-dervishes-gnostics-royal-advisors-political-and-religious-adversaries/

https://english.shabtabnews.com/2021/02/05/untangling-the-spiders-web-of-fascism-the-chain-murders-of-iran-part-3/

Berichte

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